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Jung, weiblich, Oberbürgermeisterin

Eine jüngere Frau wird als Kandidatin einer Kommunalwahl ganz anders wahrgenommen, als ihre männlichen Mitbewerber. Dies zeigt sich bereits bei der öffentlichen Vorstellungsrunde. Unabhängig von den zuvor präsentierten Inhalten, wird oft zuallererst nach Kinderwunsch und Schwangerschaft gefragt. klip hat schon einige Kandidatinnen begleitet und zeigt, worauf sich Frauen bei einer Kommunalwahl einstellen sollten.

© Bryan-Minear_Unsplash

Gleiche Qualifikation, gegensätzliche Wahrnehmung

Bewirbt sich ein Mann um einen Posten als [Ober-]Bürgermeister, so kann er fast sicher sein, dass die Wählerinnen und Wähler zunächst einmal seine berufliche Qualifikation unter die Lupe nehmen. Die Frage nach seinem Familienstand stellt sich bei ihm meist erst viel später. Wobei eine Ehefrau nebst Kindern bei einem Kandidaten stets sehr gerne gesehen ist, zeugt dies von einem soliden Lebenswandel und einem gewissen Verständnis für familienpolitische Belange. Handelt es sich dabei jedoch bereits um die dritte oder gar vierte Ehefrau, wird dieser Lebenswandel dann allerdings eher kritisch gesehen.

Ganz anders verhält es sich jedoch bei Frauen, insbesondere, wenn sie die 50 noch nicht überschritten haben. Bewerberinnen berichten immer wieder von Erlebnissen, die sie mitunter sprachlos machen.
So werden junge Bewerberinnen für ein kommunales Amt bei ihrer Vorstellung als Erstes ganz direkt nach Kinderwunsch und Schwangerschaft gefragt. Die inhaltlichen Angebote, sie vor vollen Hallen präsentieren, interessieren zunächst noch wenig. Verweist eine Anwärterin dann auf ihren Partner, der sich gerne mit einer längeren Elternzeit dem möglichen Nachwuchs widmen möchte, so sich dieser überhaupt einstellen sollte, ist das Familienthema damit jedoch längst nicht abgeschlossen. Nun ist auch der Beruf des Partners von großem Interesse. Schließlich möchten die Bürgerinnen und Bürger wissen, ob sich die Bewerberin im Falle eines Wahlsieges für volle acht Jahre ihrem Amt verpflichtet sieht. Oder ob sie eventuell einen vorzeitigen Umzug in Betracht ziehen würde, sollte dem Ehemann ein lukratives Jobangebot unterbreitet werden.

Solche Fragen verunsichern ungemein, gerade dann, wenn die Nerven aufgrund des kräftezehrenden Wahlkampfes ohnehin blank liegen. Männliche Mitbewerber oder Amtsinhaber mit Familie, die sich zur Wiederwahl stellen, müssen hingegen nicht erklären, wie sie ihre mitunter zahlreichen Kinder zu betreuen gedenken. Auch der Beruf der Ehefrau ist hier nicht von großer Bedeutung, geht man allgemeinhin davon aus, dass sich diese nahtlos in die Rolle der repräsentativen (Ober-) Bürgermeistergattin, treusorgenden Mutter und Hausfrau fügt .

Das allgemeine Gleichstellungsgesetz AGG soll Benachteiligungen aus Gründen der Rasse, der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion, der Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität verhindern und beseitigen. Es untersagt einem Arbeitgeber somit auch, Bewerberinnen nach einer Schwangerschaft zu fragen. Aber in Festhallen mit hunderten von Menschen wird dennoch erwartet, dass eine Frau intimste Lebensbereiche offenlegt. 

Und dann sind da noch die Nachrichten, die per Email eintreffen. Etwa 90% stammen von Männern, die den Kandidatinnen gerne das politische Weltgeschehen erläutern und wichtige Ratschläge geben wollen. Skurril war beispielsweise die Mail eines Herrn, der einer Kandidatin eine zweiseitige PDF-Datei mit einer ausführlichen Kleidungsanalyse zukommen ließ. Dabei bewertete er viele Fotos, die sie bei ihren Auftritten der letzten Jahre zeigten. Sein Fazit fiel dabei überwiegend positiv aus. Er bescheinigte ihr einen sehr guten, modisch dezenten Stil, riet ihr jedoch von pink- oder grünfarbigen Stoffen dringend ab. Darin würde sie entweder zu feministisch oder aber zu fundamentalistisch wirken. Ein etwas männlicheres Outfit dagegen wäre ideal, so seine ungefragte Meinung.
 
Der weibliche Teil der Bevölkerung hingegen schreibt deutlich seltener Mails, spricht dafür aber viel öfter Anerkennung, Lob und Glückwünsche für die Kandidatin aus. Sie zeigen sich meist solidarisch und suchen gerne den direkten Kontakt. Eine kürzlich gewählte Oberbürgermeisterin konnte mit ihrer frischen, zupackenden sowie authentischen Art so viele Herzen und Stimmen für sich gewinnen, dass sie mit fast 70% im ersten Anlauf einen deutlichen Wahlsieg davontragen konnte. Bei der Verkündigung des Wahlergebnisses schüttelte sie dann stundenlang geduldig die Hände unzähliger Gratulanten. Es kann also auch von Vorteil sein, mehr Empathie und Bürgernähe zu zeigen, als dies manche männlichen Amtsträger tun.

Frauen sollten im Falle einer Kandidatur also auf Fragen zur Familienplanung gewappnet sein, aber ihren Fokus auf die Dinge legen, die wirklich zählen. Schließlich steht ihnen für ihre Veranstaltungstour nur eine begrenzte Menge an Energie zur Verfügung. Daher sollten sie Aufregungen über Diffamierungen meiden oder diesen sachlich entgegentreten.
Es ist allerdings von Vorteil, sich stets offen, freundlich und nahbar zu zeigen. Insbesondere dann, wenn der vorherige Amtsinhaber kühl und distanziert agierte. Oft, und zwar völlig unabhängig von der Geschlechterrolle, werden nämlich Sympathie und Kommunikation höher wertgeschätzt als die reine Fachkompetenz oder der hohe persönliche Einsatz.
Dass es sich in jedem Falle lohnt, zeigen die jüngsten Erfolge einiger frisch gewählter
(Ober-)Bürgermeisterinnen, die ihre Sache mit Bravour durchgezogen haben. Und die nun beweisen können, dass sie ihr Amt mit Fachwissen, Mut und Durchsetzungskraft bestens ausfüllen können. Chapeau!